Verwolpert

Die Nachbarn hinter der Wand

Über ein Jahrzehnt lebe ich schon in dieser Wohnung. Über ein Jahrzehnt schätze ich den Frieden in diesem Haus, in dem 10 Parteien leben und sich gut verstehen. Hier und da ein Hofflohmarkt, eine ausgeliehene Luftmatratze für ein Festival, ein kurzer Plausch im Treppenhaus aber nie über die Grenze eines introvertierten Geists hinaus. Perfekte Koexistenz, will man meinen, wären da nicht die Nachbarn ein Haus weiter.

Es gibt eigentlich nur wenige Dinge, mit denen ich nicht umgehen kann und die mich aus der Ruhe bringen. Aber eine davon ist mangelnde Rücksichtnahme. Lasst uns doch alle ein Leben führen, friedlich und frei, ohne unseren Mitmenschen zu gefährden, zu bedrängen oder, wie in diesem Fall, den letzten Nerv zu rauben.
Sie sind nicht immer dort, die Jugendlichen hinter der Mauer zum angrenzenden Haus, außerhalb der Reichweite, einfach in akuten Fällen hingehen zu können, zu klingeln und zu bitten, nachts um kurz vor Vier nicht wie am Spieß zu schreien, die Musik aufzudrehen und Dinge gegen die Wand zu werfen(?).

Die Tatsache, dass es nicht täglich, nicht einmal regelmäßig ist, macht es fast noch schlimmer. Fast schon lauschend gehe ich Abends ins Bett, in der Hoffnung nicht schon das Rumoren hinter der Wand zu hören, mit dem sich diese Nächte ankündigen: Türen schlagen, Gekreische und immer wieder diese eine verdammte Pop-Song. Und wenn ich dann, mal um Zwei, mal um Vier Uhr in der Nacht, hochschrecke und wieder meine nächtlichen Fantasien spinne, bleibt es am Ende wieder nur bei einem Blogbeitrag und dem halbgaren Vorsatz, einmal einen Zettel ins Treppenhaus einzuwerfen, auf dem für Verständnis und die Option zum Sprechen geschrieben steht. Irgendwann haben sie mich soweit. Stift und Papier als Eskalationsventil. Ich versuche jetzt wieder zu schlafen.